Sonntag, 24. September 2017

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster - Susann Pásztor


Jetzt kann ich fliegen. Durch das offene Fenster. Nichts hält mich mehr in diesen Räumen gefangen. Sorgt euch nicht. Mir geht es gut. Ich habe keine Schmerzen mehr. Danke, dass ihr bei mir gewesen seid. Ich bin nicht ganz verschwunden, ich bin ein Teil von euch. Erinnert euch an mich und ich werde immer da sein.


Fred ist alleinerziehender Vater des 13-jährigen Phil. Fred ist Angestellter und seit Neuestem ist er Sterbebegleiter. Zu mindestens gibt er sein Bestes. Er möchte alles richtig machen und tritt doch von einem Fettnäpfchen ins Nächste. Karla ist sehr eigensinnig, eine starke Frau, die weiß, was sie will und was nicht. Alle Versuche von Fred ihr Beistand zu leisten, blockt sie ab, schließlich ist sie die ganze Zeit ohne fremde Hilfe zurecht gekommen. In ihrem Leben, schon immer. Karla hat Krebs und sie weiß, dass sie sterben wird. Doch dann bekommt Phil von Karla eine besondere Aufgabe und die völlig kaputte Beziehung zu ihrem Sterbebegleiter Fred beginnt sich zu kitten...

"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" von Susann Pásztor ist eine Hommage an das Leben, auch wenn es sich vorwiegend mit dem Sterben beschäftigt. Es ist ein Roman voller Wärme, voller Verständnisse und Missverständnisse, voller Energie, einer wunderbaren Vater-Sohn-Beziehung und einer starken Frau, die selbstentscheidend ihrem Tod entgegen tritt. Ich habe dieses Buch in einer Zeit gelesen, in der ich selbst eine liebe Person an den Krebs verloren habe. Susann Pásztor beschreibt ganz wunderbar, wie sich jemand fühlt, der weiß, das sein Ende naht. Durch ihre Zeilen wächst eine gewisse Form von Verständnis für Dinge, die man als Angehöriger nicht zwingend von jemandem hören will, der an einer unheilbaren Krankheit leidet. Immer wieder keimt zwar Hoffnung auf, dass alles gut wird, der Verstand wird aber stärker und man beginnt die Zeit, die der Protagonistin noch bleibt, intensiv mitzuerleben.


Die Figuren, die die Autorin dabei zeichnet, sind vor allem sehr authentisch, haben nachvollziehbare Höhen und Tiefen, zeigen ihre Trauer, begehen trotz allem noch Fehler. Nichts wird beschönigt, auch nicht der Weg, den Karla einschlägt, mag er auch für einige sehr hart klingen. Die Geschichte ist nicht dramatisch im eigentlichen Sinne, sie ist aber dennoch empathisch. Und trotzdem zeigen die Sätze dabei keine Schwere, was wiederum von einem hervorragenden Schreibstil zeugt. Die Worte wirken wie ein Lüftchen, welches die Luft und die Seele des Toten durch das geöffnete Fenster auf Reisen schickt. Es mag etwas unglücklich klingen, aber dieses Buch hätte noch die ein oder andere Seite länger sein dürfen. Für mich war es wie eine Art Bibliotherapie. Für einige Leser mag das Ende abrupt kommen, dennoch ist es genau das, was man in solch einer Situation erleben kann. Der Tod lässt sich nicht immer die Zeit, die wir ihm gern einräumen würden. Manchmal ist er schneller, so schnell, dass uns kaum die Zeit dafür bleibt, richtig Abschied zu nehmen. Auch bei schwerer Krankheit.

"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" hat mich sehr bewegt, sicherlich nicht nur, weil ich vieles nachvollziehen konnte aus eigener Erfahrung. Es ist ein Buch, welches lange nachklingt und das auch soll. Es ist wichtig das Leben zu genießen, es ist aber auch wichtig Menschen zu begleiten, die dem Tode bereits ins Auge blicken. Ihnen Halt und Wärme zu geben auf ihrem Weg, auch wenn es noch so schwer fällt. Sie sind ein Teil von uns, werden so lange durch uns weiterleben, wie wir es tun. Erinnerungen kann uns niemand nehmen. Schöne Erinnerungen können, auch wenn es schwer zu verstehen ist, auch in Zeiten entstehen, in denen die Hoffnung langsam zu sterben beginnt.


Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster - Susann Pásztor
Gebundene Ausgabe - Roman - Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04870-4 - Preis: 20,00 € (D) / 20,60 € (A)


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